Die Idee zu „Was habe ich dir getan?“ entstand an einer Stelle, an der ich überhaupt nicht mit einem neuen Lied gerechnet hatte.
Am Abend zuvor hatte ich eine Dokumentation über Kohlenstoff gesehen. Besonders fasziniert hatte mich dabei nicht nur das Thema selbst, sondern die Art, wie die Geschichte erzählt wurde: aus der Ich-Perspektive. Der Kohlenstoff erzählte gewissermaßen seine eigene Geschichte.
Am nächsten Morgen dachte ich noch einmal darüber nach. Mir wurde bewusst, dass ich zu diesem Erzähler eine viel stärkere emotionale Verbindung aufgebaut hatte, als es bei einer gewöhnlichen Dokumentation vermutlich der Fall gewesen wäre. Obwohl von etwas Wissenschaftlichem erzählt wurde, fühlte es sich plötzlich persönlich an. Da war jemand, der seine eigene Geschichte erzählte.
Und aus diesem Gedanken heraus tauchte plötzlich ein Satz auf:
„Ich habe dir nie etwas getan. Und trotzdem hasst du mich.“
Mit Kohlenstoff hatte dieser Satz eigentlich nichts mehr zu tun.
Plötzlich dachte ich an Menschen. An Hass im Internet, an Vorurteile und Ausgrenzung. An Menschen, die aufgrund eines einzigen Merkmals beurteilt werden, obwohl diejenigen, die über sie urteilen, sie überhaupt nicht kennen.
Genau deshalb sollte auch dieses Lied aus der Ich-Perspektive erzählt werden. Ich wollte keine bestimmte Gruppe benennen und nicht erklären, wer dieser Mensch ist. Denn in dem Moment, in dem ich ihm eine konkrete Identität gegeben hätte, wäre es ein Lied über genau diese eine Gruppe geworden.
Stattdessen sollte dort einfach ein Mensch stehen.
Ein Mensch, über den andere scheinbar alles wissen – obwohl sie nichts über ihn wissen.
Aus dem ersten Satz wurde deshalb nach und nach eine immer direktere Frage: Wenn du mich hasst, obwohl du mich nicht kennst, dann sag mir doch, warum. Nenne mir nicht, was „Menschen wie ich“ angeblich tun. Nenne mir meine eigene Tat.
Was habe ich dir getan?
Erst während der Arbeit am Lied kam noch ein weiteres Experiment hinzu. Ich wollte schon länger versuchen, einen meiner Songs mit Rap und Hip-Hop zu verbinden. Bei früheren Liedern hatte das nie richtig funktioniert. Diesmal passte es plötzlich. Die direkte, konfrontative Sprache brauchte keine klassische Ballade. Sie durfte sprechen, fragen, widersprechen und schließlich fordern.
So wurde aus einem Gedanken über die Erzählweise einer Wissenschaftsdokumentation völlig unerwartet ein dunkler, orchestraler Hip-Hop-Song über Vorurteile und Hass.
Manchmal nimmt eine Idee eben einen ziemlich merkwürdigen Umweg, bis sie zu einem Lied wird.